Repertoire

Bach, Johann Sebastian - Johannes Passion

Bach, Johann Sebastian

Johannes Passion

Erster Teil
1 Chor
Herr, unser Herrscher, dessen Ruhm in allen Landen herrlich ist!
Zeig uns durch deine Passion, dass du, der wahre Gottessohn,
zu aller Zeit, auch in der grössten Niedrigkeit, verherrlicht worden bist!
 
2 Evangelist
Jesus ging mit seinen Jüngern über den Bach Kidron, da war ein Garten,
Darein ging Jesus und seine Jünger.
Judas aber, der ihn verriet, wusste den Ort auch,
denn Jesus versammlete sich oft daselbst mit seinen Jüngern.
Da nun Judas zu sich hatte genommen die Schar und der
Hohenpriester und Pharisäer Diener, kommt er dahin mit Fakkeln,
Lampen und mit Waffen. Als nun Jesus wusste alles, was ihm begegnen sollte,
 ging er hinaus und sprach zu ihnen:
 
Jesus
Wen suchet ihr?
 
Evangelist
Sie antworteten ihm:
 
3 Chor
Jesum von Nazareth!
 
4 Evangelist
Jesus spricht zu ihnen:
 
Jesus
Ich bin’s.
Evangelist
Judas aber, der ihn verriet, stund auch bei ihnen.
Als nun Jesus zu ihnen sprach: Ich bins, wichen sie zurücke und fielen zu Boden.
Da fragete er sie abermal:
 
Jesus
Wen suchet ihr?
 Evangelist
Sie aber sprachen:
 
5 Chor
Jesum von Nazareth!
 
6 Evangelist
Jesus antwortete:
 
Jesus
Ich habs euch gesagt, daß ichs sei; suchet ihr denn mich, so lasset diese gehen!
 
7 Choral
O grosse Lieb, o Lieb ohn alle Mase,
die dich gebracht auf diese Marterstrase!
Ich lebte mit der Welt in Lust und Freuden,
und du must leiden!
 
8 Evangelist
Auf dass das Wort erfüllet würde, welches er sagte:
Ich habe der keine verloren, die du mir gegeben hast.
Da hatte Simon Petrus ein Schwert und zog es aus und schlug
nach des Hohenpriesters Knecht und hieb ihm sein recht Ohr ab;
und der Knecht hiess Malchus. Da sprach Jesus zu Petro:
 
Jesus
Stecke dein Schwert in die Scheide! Soll
ich den Kelch nicht trinken, den mir mein
Vater gegeben hat?
9 Choral
Dein Will gescheh, Herr Gott, zugleich auf Erden wie im Himmelreich.
Gib uns Geduld in Leidenszeit, gehorsam sein in Lieb und Leid;
wehr und steur allem Fleisch und Blut, das wider deinen Willen tut!
 
10 Evangelist
Die Schar aber und der Oberhauptmann und die Diener der Juden nahmen
Jesum und bunden ihn und führeten ihn, aufs erste zu Hannas,
der war Kaiphas Schwäher, welcher des Jahres Hoherpriester war.
Es war aber Kaiphas, der den Juden riet, es wäre gut,
dass ein Mensch würde umbracht für das Volk.
 
11 Aria (Alt)
Von den Strikken meiner Sünden mich zu entbinden,
wird mein Heil gebunden.
Mich von allen Lasterbeulen völlig zu heilen,
lässt er sich verwunden.
 
12 Evangelist
Simon Petrus aber folgete Jesu nach und
ein ander Jünger.
 
13 Aria (Sopran)
Ich folge dir gleichfalls mit freudigen Schritten und lasse dich nicht,
mein Leben, mein Licht.
Befördre den Lauf und höre nicht auf, selbst an mir zu ziehen,
zu schieben, zu bitten!
 
14 Evangelist
Derselbige Jünger war dem Hohenpriester bekannt und ging mit Jesu hinein in des
Hohenpriesters Palast. Petrus aber stund draussen vor der Tür. Da ging der andere
Jünger, der dem Hohenpriester bekannt war, hinaus und redete mit der Türhüterin
und führete Petrum hinein. Da sprach die Magd, die Türhüterin, zu Petro:
 
Magd
Bist du nicht dieses Menschen Jünger einer?
 
Evangelist
Er sprach:
 
Petrus
Ich bins nicht!
 
Evangelist
Es stunden aber die Knechte und Diener und hatten ein Kohlfeu’r gemacht
(denn es war kalt) und wärmeten sich.
Petrus aber stund bei ihnen und wärmete sich. Aber der Hohepriester fragte
Jesum um seine Jünger und um seine Lehre.
Jesus antwortete ihm:
 
Jesus
Ich habe frei, öffentlich geredet vor der Welt. Ich habe allezeit gelehret in der
Schule und in dem Tempel, da alle Juden zusammenkommen, und habe nichts im
Verborgnen geredt. Was fragest du mich darum? Frage die darum, die gehöret
haben, was ich zu ihnen geredet habe!
Siehe, dieselbigen wissen, was ich gesaget habe!
 
Evangelist
Als er aber solches redete, gab der Diener einer, die dabeistunden, Jesu einen
Backenstreich und sprach:
 
Diener
Solltest du dem Hohenpriester also antworten?
 
Evangelist
Jesus aber antwortete:
 
Jesus
Hab ich übel geredt, so beweise es, dass es böse sei, hab ich aber recht geredt,
Was schlägest du mich?
 
15 Choral
Wer hat dich so geschlagen, mein Heil, und dich mit Plagen so übel zugericht’?
Du bist ja nicht ein Sünder, wie wir und unsre Kinder, von Missetaten weisst du nicht.
Ich, ich und meine Sünden, die sich wie Körnlein finden des Sandes an dem Meer,
die haben dir erreget das Elend, das dich schläget, und das betrübte Marterheer.
 
16 Evangelist
Und Hannas sandte ihn gebunden zu dem Hohenpriester Kaiphas. Simon Petrus stund
und wärmete sich; da sprachen sie zu ihm:
 
17 Chor
Bist du nicht seiner Jünger einer?
18 Evangelist
Er leugnete aber und sprach:
 
Petrus
Ich bins nicht!
 
Evangelist
Spricht des Hohenpriesters Knecht’ einer, ein Gefreundter des, dem Petrus das Ohr
abgehauen hatte:
 
Diener
Sahe ich dich nicht im Garten bei ihm?
 
Evangelist
Da verleugnete Petrus abermal, und alsobald krähete der Hahn. Da gedachte Petrus
an die Worte Jesu und ging hinaus und weinete bitterlich.
 
19 Aria (Tenor)
Ach, mein Sinn, wo willt du endlich hin, wo soll ich mich erquicken?
Bleib ich hier, oder wünsch ich mir Berg und Hügel auf den Rücken?
Bei der Welt ist gar kein Rat, und im Herzen stehn die Schmerzen
meiner Missetat, weil der Knecht den Herrn verleugnet hat.
 
20 Choral
Petrus, der nicht denkt zurück, seinen Gott verneinet,
der doch auf ein’ ernsten Blick bitterlichen weinet.
Jesu, blicke mich auch an, wenn ich nicht will büssen;
wenn ich Böses hab getan, rühre mein Gewissen!
 
Pauze
 
Zweiter Teil
 
21 Choral
Christus, der uns selig macht, kein Bös’ hat begangen,
der ward für uns in der Nacht als ein Dieb gefangen,
geführt vor gottlose Leut und fälschlich verklaget,
verlacht, verhöhnt und verspeit, wie denn die Schrift saget.
 
22 Evangelist
Da führeten sie Jesum von Kaipha vor das Richthaus, und es war frühe.
Und sie gingen nicht in das Richthaus, auf dass sie nicht unrein würden,
sondern Ostern essen möchten. Da ging Pilatus zu ihnen heraus und sprach:
 
Pilatus
Was bringet ihr für Klage wider diesen Menschen?
 
Evangelist
Sie antworteten und sprachen zu ihm:
 
23 Chor
Wäre dieser nicht ein Übeltäter, wir hätten dir ihn nicht überantwortet.
 
24 Evangelist
Da sprach Pilatus zu ihnen:
 
Pilatus
So nehmet ihr ihn hin und richtet ihn nach eurem Gesetze!
 
Evangelist
Da sprachen die Juden zu ihm:
25 Chor
Wir dürfen niemand töten.
 
26 Evangelist
Auf dass erfüllet würde das Wort Jesu, welches er sagte, da er deutete,
Welches Todes er sterben würde. Da ging Pilatus wieder hinein in das
Richthaus und rief Jesu und sprach zu ihm:
 
Pilatus
Bist du der Juden König?
 
Evangelist
Jesus antwortete:
 
Jesus
Redest du das von dir selbst, oder habens dir andere von mir gesagt?
 
Evangelist
Pilatus antwortete:
 
Pilatus
Bin ich ein Jude? Dein Volk und die Hohenpriester haben dich mir überantwortet;
was hast du getan?
 
Evangelist
Jesus antwortete:
 
Jesus
Mein Reich ist nicht von dieser Welt; ware mein Reich von dieser Welt, meine Diener
würden darob kämpfen, dass ich den Juden nicht überantwortet würde; aber nun ist
mein Reich nicht von dannen.
 
27 Choral
Ach groser König, gros zu allen Zeiten, wie kann ich gnugsam diese Treu ausbreiten?
Keins Menschen Herze mag in des ausdenken, was dir zu schenken.
Ich kanns mit meinen Sinnen nicht erreichen, womit doch dein Erbarmen zu vergleichen.
Wie kann ich dir denn deine Liebestaten im Werk erstatten?
 
28 Evangelist
Da sprach Pilatus zu ihm:
 
Pilatus
So bist du dennoch ein König?
 
Evangelist
Jesus antwortete:
 
Jesus
Du sagsts, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt kommen,
Dass ich die Wahrheit zeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der höret meine Stimme.
 
Evangelist
Spricht Pilatus zu ihm
 
Pilatus
Was ist Wahrheit?
 
Evangelist
Und da er das gesaget, ging er wieder hinaus zu den Juden und spricht zu ihnen:
 
Pilatus
Ich finde keine Schuld an ihm. Ihr habt aber eine Gewohnheit, dass ich euch einen
losgebe; wollt ihr nun, dass ich euch der Juden König losgebe?
 
Evangelist
Da schrieen sie wieder allesamt und sprachen:
 
29 Chor
Nicht diesen, sondern Barrabas!
 
30 Evangelist
Barrabas aber war ein Mörder. Da nahm Pilatus Jesum und geisselte ihn.
 
31 Arioso (Bass)
Betrachte, meine Seel, mit ängstlichem Vergnügen, mit bittrer Lust und halb
beklemmtem Herzen, dein höchstes Gut in Jesu Schmerzen,
wie dir auf Dornen, so ihn stechen, die Himmelsschlüsselblumen blühn!
Du kannst viel süsse Frucht von seiner Wermut brechen, drum sieh ohn Unterlass auf ihn!
 
32 Aria (Tenor)
Erwäge, wie sein blutgefärbter Rücken in allen Stücken,
dem Himmel gleiche geht, daran, nachdem die Wasserwogen
von unsrer Sündflut sich verzogen, der allerschönste Regenbogen
als Gottes Gnadenzeichen steht!
 
33 Evangelist
Und die Kriegsknechte flochten eine Krone von Dornen und satzten
sie auf sein Haupt und legten ihm ein Purpurkleid an und sprachen:
 
34 Chor
Sei gegrüßet, lieber Judenkönig!
35 Evangelist
Und gaben ihm Backenstreiche. Da ging Pilatus wieder heraus und sprach zu ihnen:
 
Pilatus
Sehet, ich führe ihn heraus zu euch, dass ihr erkennet, dass ich keine Schuld an
ihm finde.
Evangelist
Also ging Jesus heraus und trug eine Dornenkrone und Purpurkleid.
Und er sprach zu ihnen:
 
Pilatus
Sehet, welch ein Mensch!
 
Evangelist
Da ihn die Hohenpriester und die Diener sahen, schrieen sie und sprachen:
 
36 Chor
Kreuzige, kreuzige!
 
37 Evangelist
Pilatus sprach zu ihnen:
 
Pilatus
Nehmet ihr ihn hin und kreuziget ihn; denn ich finde keine Schuld an ihm!
 
Evangelist
Die Juden antworteten ihm:
 
38 Chor
Wir haben ein Gesetz, und nach dem Gesetz soll er sterben;
denn er hat sich selbst zu Gottes Sohn gemacht.
 
39 Evangelist
Da Pilatus das Wort hörete, fürchtet’ er sich noch mehr und ging wieder hinein in das
Richthaus und spricht zu Jesu:
 
Pilatus
Von wannen bist du?
 
Evangelist
Aber Jesus gab ihm keine Antwort. Da sprach Pilatus zu ihm:
 
Pilatus
Redest du nicht mit mir? Weissest du nicht, dass ich Macht habe, dich zu kreuzigen,
und Macht habe, dich loszugeben?
 
Evangelist
Jesus anwortete:
 
Jesus
Du hättest keine Macht über mich, wenn sie dir nicht wäre von oben herab gegeben;
darum, der mich dir überantwortet hat, der hat’s gröss’re Sünde.
 
Evangelist
Von dem an trachtete Pilatus, wie er ihn losliesse.
 
40 Choral
Durch dein Gefängnis, Gottes Sohn, muss uns die Freiheit kommen;
dein Kerker ist der Gnadenthron, die Freistatt aller Frommen;
denn gingst du nicht die Knechtschaft ein, müßt unsre Knechtschaft ewig sein.
 
41 Evangelist
Die Juden aber schrieen und sprachen:
42 Chor
Lässest du diesen los, so bist du des Kaisers Freund nicht;
denn wer sich zum Könige machet, der ist wider den Kaiser.
 
43 Evangelist
Da Pilatus das Wort hörete, führete er Jesum heraus und satzte sich auf den
Richtstuhl, an der Stätte, die da heisset:
Hochpflaster, auf Ebräisch aber: Gabbatha.
Es war aber der Rüsttag in Ostern um die sechste Stunde, und er spricht zu den Juden:
 
Pilatus
Sehet, das ist euer König!
 
Evangelist
Sie schrieen aber:
 
44 Chor
Weg, weg mit dem, kreuzige ihn!
 
45 Evangelist
Spricht Pilatus zu ihnen:
 
Pilatus
Soll ich euren König kreuzigen?
 
Evangelist
Die Hohenpriester antworteten:
 
46 Chor
Wir haben keinen König denn den Kaiser.
 
47 Evangelist
Da überantwortete er ihn, dass er gekreuziget würde. Sie nahmen aber Jesum und
führeten ihn hin. Und er trug sein Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heisset
Schädelstätt, welche heisset auf Ebräisch: Golgatha.
 
48 Aria (Bass) mit Chor
Eilt, ihr angefochtnen Seelen, geht aus euren Marterhöhlen, Eilt!
 
Chor
Wohin?
 
Aria
Nach Golgatha!
Nehmet an des Glaubens Flügel, Flieht
 
Chor
Wohin?
 
Aria
Zum Kreuzeshügel, eure Wohlfahrt blüht allda!
 
49 Evangelist
Allda kreuzigten sie ihn, und mit ihm zween andere zu beiden Seiten,
Jesum aber mitten inne. Pilatus aber schrieb eine Überschrift und satzte
sie auf das Kreuz, und war geschrieben: ‘Jesus von Nazareth,
der Juden König’. Diese Überschrift lasen viel Juden, denn die Stätte war nahe bei
der Stadt, da Jesus gekreuziget ist. Und es war geschrieben auf hebräische, griechische
und lateinische Sprache. Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilato:
 
50 Chor
Schreibe nicht: der Jüden König, sondern dass er gesaget habe: Ich bin der Jüden König.
 
51 Evangelist
Pilatus antwortet:
Pilatus
Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.
 
52 Choral
In meines Herzens Grunde, dein Nam und Kreuz allein funkelt all Zeit und Stunde,
drauf kann ich fröhlich sein. Erschein mir in dem Bilde zu Trost in meiner Not,
wie du, Herr Christ, so milde, dich hast geblut’ zu Tod!
 
53 Evangelist
Die Kriegsknechte aber, da sie Jesum gekreuziget hatten, nahmen seine Kleider
und machten vier Teile, einem jeglichen Kriegesknechte sein Teil, dazu auch den
Rock. Der Rock aber war ungenähet, von oben an gewürket durch und durch.
Da sprachen sie untereinander:
 
54 Chor
Lasset uns den nicht zerteilen, sondern darum losen, wes er sein soll.
 
55 Evangelist
Auf dass erfüllet würde die Schrift, die da saget: ‘Sie haben meine Kleider unter
sich geteilet und haben über meinen Rock das Los geworfen.’ Solches taten die
Kriegesknechte.
Es stund aber bei dem Kreuze Jesu Seine Mutter und seiner Mutter Schwester,
Maria, Kleophas Weib, und Maria Magdalena.
Da nun Jesus seine Mutter sahe und den Jünger dabei stehen, den er lieb hatte,
spricht er zu seiner Mutter:
Jesus
Weib, siehe, das ist dein Sohn!
 
Evangelist
Darnach spricht er zu dem Jünger:
 
Jesus
Siehe, das ist deine Mutter!
 
56 Choral
Er nahm alles wohl in acht In der letzten Stunde, Seine Mutter noch bedacht,
Setzt ihr ein’ Vormunde.
O Mensch, mache Richtigkeit, Gott und Menschen liebe,
Stirb darauf ohn alles Leid Und dich nicht betrübe!
 
57 Evangelist
Und von Stund an nahm sie der Jünger zu sich.
Darnach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, dass die Schrift erfüllet
würde, spricht er:
 
Jesus
Mich dürstet!
 
Evangelist
Da stund ein Gefässe voll Essigs. Sie fülleten aber einen Schwamm mit
Essig und legten ihn um einen Isopen und hielten es ihm dar zum Munde.
Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er:
 
Jesus
Es ist vollbracht!
58 Aria (Alt)
Es ist vollbracht!
O Trost für die gekränkten Seelen!
Die Trauernacht Lässt nun die letzte Stunde zählen.
Der Held aus Juda siegt mit Macht und schliesst den Kampf.
Es ist vollbracht!
 
59 Evangelist
Und neiget das Haupt und verschied.
 
60 Aria (Bass) mit Choral
Aria
Mein teurer Heiland, lass dich fragen, da du nunmehr ans Kreuz geschlagen
und selbst gesagt: Es ist vollbracht, bin ich vom Sterben frei gemacht?
Kann ich durch deine Pein und Sterben das Himmelreich ererben?
Ist aller Welt Erlösung da?
Du kannst vor Schmerzen zwar nichts sagen, doch neigest du das Haupt
und sprichst stillschweigend: ‘ja’.
 
Choral
Jesu, der du warest tot, lebest nun ohn Ende,
in der letzten Todesnot, nirgend mich hinwende
als zu dir, der mich versühnt, o du lieber Herre!
Gib mir nur, was du verdient, mehr ich niet begehre.
 
61 Evangelist
Und siehe da, der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stück von oben an bis unten aus.
Und die Erde erbebete, und die Felsen zerrissen, und die Gräber täten sich auf,
und stunden auf viel Leiber der Heiligen.
62 Arioso (Tenor)
Mein Herz, indem die ganze Welt bei Jesu Leiden gleichfalls leidet,
die Sonne sich in Trauer kleidet, der Vorhang reisst, der Fels zerfällt,
die Erde bebt, die Gräber spalten, weil sie den Schöpfer sehn erkalten,
was willt du deines Ortes tun?
 
63 Aria (Sopran)
Zerfliesse, mein Herze, in Fluten der Zähren dem Höchsten zu Ehren!
Erzähle der Welt und dem Himmel die Not: dein Jesus ist tot!
 
64 Evangelist
Die Juden aber, dieweil es der Rüsttag war, dass nicht die Leichname am
Kreuze blieben den Sabbath über (denn desselbigen Sabbaths Tag war sehr gross),
baten sie Pilatum, dass ihre Beine gebrochen und sie abgenommen würden.
Da kamen die Kriegsknechte und brachen dem ersten die Beine und dem andern,
der mit ihm gekreuziget war. Als sie aber zu Jesu kamen, da sie sahen, dass er schon
gestorben war, brachen sie ihm die Beine nicht; sondern der Kriegsknechte einer
eröffnete seine Seite mit einem Speer, und alsobald ging Blut und Wasser heraus.
Und der das gesehen hat, der hat es bezeuget, und sein Zeugnis ist wahr, und derselbige
weiss, dass er die Wahrheit saget, auf dass ihr gläubet. Denn solches ist geschehen,
auf dass die Schrift erfüllet würde: ‘Ihr sollet ihm kein Bein zerbrechen.’ Und abermal
spricht eine andere Schrift: ‘Sie werden sehen, in welchen sie gestochen haben!’
 
65 Choral
O hilf, Christe, Gottes Sohn, durch dein bitter Leiden,
dass wir dir stets untertan all Untugend meiden,
deinen Tod und sein Ursach fruchtbarlich bedenken,
dafür, wiewohl arm und schwach, dir Dankopfer schenken.
 
66 Evangelist
Darnach bat Pilatum Joseph von Arimathia, der ein Jünger Jesu war (doch heimlich,
aus Furcht vor den Juden), dass er möchte abnehmen den Leichnam Jesu. Und Pilatus
erlaubete es. Derowegen kam er und nahm den Leichnam Jesu herab.
Es kam aber auch Nikodemus, der vormals bei der Nacht zu Jesu kommen war,
und brachte Myrrhen und Aloen untereinander, bei hundert Pfunden.
Da nahmen sie den Leichnam Jesu, und bunden ihn in leinen Tücher mit
Spezereien, wie die Juden pflegen zu begraben.
Es war aber an der Stätte, da er gekreuziget ward, ein Garte, und im Garten ein neu
Grab, in welches niemand je geleget war. Daselbst hin legten sie Jesum, um des
Rüsttags willen der Juden, dieweil das Grab nahe war.
 
67 Chor
Ruht wohl, ihr heiligen Gebeine, die ich nun weiter nicht beweine,
ruht wohl und bringt auch mich zur Ruh!
Das Grab, so euch bestimmet ist und ferner keine Not umschließt,
macht mir den Himmel auf und schliesst die Hölle zu.
 
68 Choral
Ach Herr, lass dein lieb Engelein am letzten End die Seele mein
in Abrahams Schoss tragen, den Leib in seim Schlafkämmerlein
gar sanft ohn einge Qual und Pein ruhn bis am jüngsten Tage!
Alsdenn vom Tod erwecke mich, dass meine Augen sehen dich
in aller Freud, o Gottes Sohn, mein Heiland und Genadenthron!
Herr Jesu Christ, erhöre mich, Ich will dich preisen ewiglich!
 
 

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