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Andreas Daams

Lokales Trauermusik einer vergangenen Zeit


Kalkar. Das Publikum musste den Applaus bis zum Ende des Konzerts aufsparen. Dann aber kam er mit Wucht. Die jüngste Geistliche Abendmusik in St. Nicolai Kalkar gestaltete der Oost Nederlands Kamerkoor, noch bestens in Erinnerung von der Interpretation der Rachmaninow-Vesper vor vier Jahren. Jetzt standen gleich zwei Mottenzyklen und zwei Requien auf dem Programm. Lauter Musik aus dem letzten Jahrhundert – gerade noch Gegenwart, jetzt schon längst Geschichte. 

Es ist nicht einfach Trauermusik“, sagte Pastor Alois van Doornick einleitend, „sondern ein Blick auf Jesus, auch im Hinblick auf das eigene Sterben-Müssen.“ Mit dem Sterben kannten sich die Menschen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts besonders gut aus. Da wundert es eher, was für versöhnliche, stille, fast intime Klänge sie oftmals anstimmten. Genau das – Innerlichkeit, Ausdruck ohne Effekthascherei, konzentrierter Blick auf die Letzten Dinge – war am Sonntag in Kalkar zu hören.
Maurice Duruflés „Vier Motetten op.10“ umhüllen die Tradition des Gregorianischen Chorals mit durchsichtigen, feingesponnenen Harmonien. Dabei handelt es sich um allerbeste A-Cappella-Chormusik. Der gut dreißigköpfige Oost Nederlands Kamerkoor unter Rob Vermeulen bewies hier einmal mehr, wie er technische Perfektion, meisterhafte Ausgewogenheit der Stimmen und klangliche Ausdruckskraft miteinander verbindet. Das Ergebnis ist ergreifender Hörgenuss, wenn man dies von Klagegesängen so sagen kann.

Durch Herbert Howells Requiem, geschrieben für seinen verstorbenen Sohn und erst gut 45 Jahre später erstmals aufgeführt, schließt man Bekanntschaft mit der speziellen englischen Tradition der Chormusik. Die wirkt irgendwie zugleich statisch und virtuos und kehrt doch immer wieder zur Schlichtheit zurück. Francis Poulencs Werke sind oft zwischen aufreizender Naivität und spöttischer Finesse angesiedelt – da erschienen die „Vier Motetten zur Passionszeit“ schon fast spröde. Dabei war der Chor hier ungeheuer gefordert, und es spricht für seine große Qualität, dass man ihm keinerlei Mühe anmerkte. Denn Ausdruck und Dynamik wechseln schnell, Poulenc will Leichtigkeit auch in den höchsten Höhen, dann wieder Klangopulenz und Kargheit. Tolle Musik, toll dargeboten.

Am Schluss gab es ein Requiem vom unbekannten Ildebrando Pizzetti. Der greift wie Duruflé auf den Gregorianischen Choral zurück, bezieht sich daneben auf die frühe Mehrstimmigkeit ebenso wie auf die Polyphonie der Renaissance. Das „Dies Irae“ etwa, weitgehend zweistimmig und dennoch groß auskomponiert, ist ein echtes Meisterwerk. Dieses Konzert brachte eineinhalb Stunden tolle Musik, die kaum einer kennt. Danke!


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